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  • AutorenbildDaniela Girg

Hochsensibilität Mythos oder Realität

Aktualisiert: 1. Aug. 2023

Vor einigen Tagen diskutierte ich mit einer lieben Kollegin über das Thema Hochsensibilität und die Frage, ob dies nicht auch einfach wieder eine Schublade ist, in die man Symptome steckt, die sonst nirgendwo so richtig hinein passen. Tatsächlich tauchte diese Frage in meiner Bubble, in den letzten Wochen immer mal wieder auf und brachte mich zum einen zum Nachdenken aber auch dazu zu recherchieren.


Herausforderung Schulzeit

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der es prinzipiell erst einmal schwierig ist, wenn man nicht in so richtig gut ins System passt. In der Schulzeit beginnt für viele bereits das Dilemma, wenn sie sich nicht gut genug anpassen können. Vielleicht, weil sie nicht so lange stillsitzen können, vielleicht weil sie überfordert sind oder auch sich langweilen im Unterricht, vielleicht weil es ihnen zu laut zum lernen ist, vielleicht weil zu viele Kinder in einer Klasse, sind und so es schwierig ist, auf jeden einzelnen einzugehen. Oft beginnt dann die Lösungssuche an der falschen Stelle des Problems, nämlich beim Kind. Von LRS, über Dyskalkulie bis hin zu ADHS, Anpassungsstörungen und Hochbegabung wird so einiges gerne diagnostiziert. Alles real existierende Krankheitsbilder, die allerdings immer häufiger diagnostiziert werden. Eltern und Lehrer sind damit erst einmal beruhigt, haben sie so doch eine Erklärung für das Verhalten des Kindes. Das Kind wird für den Rest seiner Schulzeit immer wieder mit dieser Diagnose konfrontiert. Wir sind es gewohnt in Schubladen zu denken, das passiert ohne das wir das bewusst herausfordern. Überleg nur mal eine Minute was Dir zu Kindern mit ADHS einfällt und schon hast Du die Schublade, die automatisch aufgeht, wenn diese Diagnose im Raum steht. Diese kleine Übung kannst Du mit all den Diagnosen, die ich oben in den Raum geworfen habe, einmal ausprobieren. Spannend wozu unser Kopf in der Lage ist, selbst wenn wir doch eigentlich gar nicht in Schubladen denken wollen.

Beeinflusst uns Social Media?

Nach der Schulzeit helfen diese Diagnosen aber oft nicht mehr weiter, wenn wir immer noch nicht so richtig gut in die Leistungsgesellschaft passen wollen. Was dann passiert, ist das wir uns selbst auf die Suche machen nach Antworten begeben. Social Media ist jetzt erst mal wahrscheinlich nicht das Tool, wo Du bewusst beginnst nach einer Lösung zu suchen. Tatsächlich ist es aber leider häufig der Fall, dass genau dort Lösungen versteckt oder auch ganz offensiv vermarktet werden. In kurzen Reels oder Snaps werden marketingwirksam Diagnosen schnell erklärt. Wahrscheinlich hast Du auch schon jede Menge dieser kurzen Videos bewusst oder unbewusst konsumiert: Wenn Dir diese 5 Anzeichen bekannt vorkommen, kann es sein, dass Du hochsensibel bist. Es folgen 5 kurze prägnante Eigenschaften, die auf sehr viele Symptombilder hindeuten können. Wir sehen diese Videos, erkennen uns selbst darin wieder und fühlen uns verstanden. Das Problem, das sich hieraus ergibt ist, dass viele sich hierin wieder finden und von sich selbst behaupten hochsensibel zu sein. Prinzipiell ist dagegen auch nichts einzuwenden. Wenn aber immer mehr Menschen sich selbst diagnostizieren, bekommt die wahre Diagnose kaum noch Wert zugesprochen. Die, die tatsächlich eine ausgeprägte Hochsensibilität haben, werden in ihrer Not nicht mehr ernst genommen.


Ärzte und auch Heilpraktiker unterliegen in Deutschland einem Werbeverbot. Sie dürfen weder mit ihren Leistungen werben, noch in irgend einer Form versprechen, dass sie Dich von einer Krankheit heilen können. Coachs unterliegen diesem Verbot allerdings nicht. So kommt es, dass Diagnosen „beworben“ werden bzw. vermarktet werden, um dann Programme zu verkaufen, die vermitteln besser mit der Diagnose umgehen zu können. Es entstehen viele Modediagnose, die eigentlich gar keine wirklichen Diagnosen sind.

Hochsensibilität als Diagnose?

Hochsensibilität an sich ist noch keine Diagnose, die im ICD-10 (internationale Klassifikation von Krankheiten) geführt wird, sondern gilt als Temperamentsmerkmal. Das führt natürlich noch einmal mehr dazu, deren Existenz zu hinterfragen. Burnout war vor 20 Jahren allerdings auch noch keine offizielle Diagnose, als ich daran erkrankt bin. Damals wurde bei mir offiziell eine Anpassungsstörung diagnostiziert. Heute ist es eine häufige, klassifizierte Diagnose. Nur weil etwas offiziell nicht als Diagnose geführt wird, heißt es also nicht, dass dies nicht existiert.

Was ist Hochsensibilität?

Ich habe viel zum Thema Hochsensibilität geschrieben und viele Podcast Folgen dazu aufgenommen. Das vegetative Nervensystem hochsensibler Menschen filtert weniger Reize als bei durchschnittlich Sensiblen. Die permanente Reizüberflutung kann zu Erschöpfung und geringer Belastbarkeit führen. Welcher Reiz besonders ausgeprägt ist, ist bei jedem feinfühligen Menschen anders. Vielleicht nimmst Du intensiv Gerüche wahr oder auch Geräusche. Wenn der Körper das Zuviel an Reizen nicht mehr verarbeiten kann, empfinden wir den Reiz nicht nur als unangenehm sondern reagieren mit Schmerz. Feinfühlige nehmen aber auch die Stimmung und Emotionen anderer intensiver wahr. Das Zuviel an Reizen ist hierbei das Entscheidende. Wir können bis zu einem Gewissen Grad die vielen Reize verarbeiten aber irgendwann, wird das Fass überlaufen. Dieses Überlaufen gilt es zu verhindern.

Vom Umgang mit der Hochsensibilität

Die Frage die aber auch ich mir seit einiger Zeit immer und immer wieder stelle ist: brauchen wir wirklich ein Label, eine Diagnose, eine Schublade in die wir hinein passen um etwas zu verändern? Wäre es nicht viel wichtiger zu Lernen auf sich selbst zu hören und sich selbst wieder zu vertrauen anstatt dem Label blind zu folgen? Wir wissen doch eigentlich selbst am allerbesten was wir brauchen um uns besser zu fühlen? Für mich war es damals ein Augenöffner, als ich zum ersten Mal mit dem Thema Hochsensibilität in Kontakt kam. Es war der Beginn einer langen Reise, die mich zurück zu mir selbst geführt hat. Die Diagnose war irgendwann gar nicht mehr wichtig, wohl aber das Wissen darum, dass ich achtsamer mit mir sein muss, als Normalsensible.


Manchmal hat es sich wirklich wie eine Strafe angefühlt und dann gab es wieder Momente, für die ich zutiefst dankbar bin. Je mehr ich bei mir selbst ankomme, umso mehr überwiegt die Dankbarkeit. Je mehr ich annehme, was ist und damit aufhöre, Dinge weg haben zu wollen, umso mehr fühle ich mich angebunden an mein höheres Selbst (nenne es gerne so, wie es für dich passt: Gott, Universum oder woran auch immer du glaubst). Der Weg ist nicht immer einfach und es gibt immer wieder Rückschläge, aber ich vertraue und gehe ihn bewusst.


Wir dürfen unserer inneren Stimme wieder vertrauen lernen. Es braucht dafür oft gar nicht so viel von Außen. Es braucht Momente der Stille, in denen Du beginnst wirklich hinzuhören. Wenn wir anfangen könnten zu akzeptieren, dass nicht alle dafür gemacht sind in dieser Leistungsgesellschaft mitzuspielen, bräuchten wir weniger Labels und Schubladen. Wir dürfen wieder lernen unserem Gegenüber wirklich zuzuhören, statt Schubladen zu öffnen. All das Annehmen und wertschätzen was gerade da ist. Liebevoll in uns selbst hinein lauschen und verändern, was einer Veränderung bedarf.


Hast du auch das Gefühl, dass du nicht wirklich ins System passt?

Dann melde dich gerne bei mir.



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