Grenzen setzen: Warum es so wichtig ist, Dich selbst ernst zu nehmen
Kennst du das? Du sagst Ja, obwohl du eigentlich Nein meinst. Du machst weiter, obwohl du längst müde bist. Du nimmst Rücksicht auf andere und merkst erst hinterher, dass du dabei deine eigenen Bedürfnisse aus dem Blick verloren hast.
Grenzen setzen ist für viele Frauen ein schwieriges Thema. Wir wollen niemanden enttäuschen und am liebsten dafür sorgen, dass es allen gut geht. Dabei übersehen wir manchmal, dass wir uns selbst an die letzte Stelle setzen.
Wo fangen unsere Grenzen eigentlich an? Woran merken wir, dass etwas zu viel wird? Und warum fällt es uns oft so schwer, für uns selbst einzustehen?
Wo endet das Teilen und wo beginnt die Grenzüberschreitung?
In den vergangenen Tagen sind mir zwei Situationen begegnet, die mich zum Nachdenken gebracht haben.
In einer Talkshow sprach eine Mutter über ihre Erfahrungen mit der ADHS-Diagnose ihres Sohnes. Sie erzählte von der Medikation, den Herausforderungen in der Schule und davon, wie es ihrem Kind in dieser Zeit ergangen war. Während ich ihr zuhörte, merkte ich, wie sich in mir alles zusammenzog. Ich fragte mich, wie es diesem Kind wohl eines Tages damit gehen wird, wenn es die Sendung sieht oder das Buch seiner Mutter liest.
Natürlich ist es wichtig, über ADHS aufzuklären und persönliche Erfahrungen zu teilen. Solche Einblicke können anderen Familien helfen, sich weniger allein zu fühlen, und Verständnis für die Herausforderungen schaffen, mit denen sie leben. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, wie wir dabei die Privatsphäre der Menschen schützen können, über deren Leben wir erzählen. Gerade bei Kindern, die selbst noch nicht unbedingt einschätzen können, was es bedeutet, wenn sehr persönliche Informationen öffentlich werden, finde ich diese Frage wichtig.
Ein paar Tage später sah ich auf Instagram eine Mutter, die erzählte, dass ihr Sohn seinen Job gekündigt hatte. Sie bezog ihn in ihre öffentliche Darstellung der Situation mit ein und wollte das Thema gemeinsam mit ihm vor der Kamera besprechen. Auch hier habe ich mich gefragt, wie sich das für den Sohn anfühlen mag und ob er sich bewusst dafür entschieden hätte, diese persönliche Situation mit einem größeren Publikum zu teilen.
Mir geht es dabei gar nicht darum, über die Beweggründe der beiden Mütter zu urteilen. Ich weiß nicht, was sie dazu bewogen hat, diese Einblicke zu geben. Die Situationen haben mich vielmehr dazu gebracht, über eine Frage nachzudenken, die uns alle betrifft: Wo liegt die Grenze zwischen dem Wunsch, andere an unserem Leben teilhaben zu lassen, und dem Schutz der persönlichen Erfahrungen und Gefühle anderer Menschen?
Gerade in sozialen Medien verschwimmen diese Grenzen manchmal. Persönliche Geschichten schaffen Nähe, können Menschen berühren und Aufmerksamkeit für wichtige Themen erzeugen. Gleichzeitig lohnt es sich, innezuhalten und sich zu fragen, wem diese Geschichte eigentlich gehört und ob alle Beteiligten damit einverstanden sind, dass sie öffentlich erzählt wird.
Denn nicht alles, was wir teilen können, müssen wir auch teilen. Manchmal ist es ebenso wichtig, etwas für sich zu behalten.
Wie viel von dir möchtest du wirklich zeigen?
Diese Frage habe ich mir auch selbst gestellt, als ich begonnen habe, mehr von mir auf Social Media zu teilen. Wenn du selbstständig bist, gehört es natürlich dazu, deine Arbeit und deine Angebote sichtbar zu machen. Menschen möchten wissen, mit wem sie es zu tun haben. Vertrauen entsteht nicht allein durch schöne Bilder oder die Aufzählung deiner Angebote, sondern durch deine Haltung, deine Geschichten und die Verbindung, die über die Zeit entsteht.
Doch für mich gibt es einen Unterschied zwischen persönlichen Einblicken, die sich stimmig anfühlen, und dem Gefühl, immer mehr von mir zeigen zu müssen, um sichtbar zu bleiben.
Ich habe für mich herausgefunden, dass ich nicht mein ganzes Leben öffentlich machen möchte. Ich teile durchaus Persönliches, aber auf meine eigene Art und in dem Maß, das sich für mich gut anfühlt.
Es gab Zeiten, in denen ich sehr viel geteilt habe und im Hintergrund Dinge passiert sind, die mich verletzt haben. Auch solche Erfahrungen verändern den Blick darauf, wie viel man von sich nach außen geben möchte.
Heute frage ich mich genauer, was ich teilen will und was bei mir bleiben darf.
Du darfst sichtbar sein, ohne ein gänzlich öffentliches Leben zu führen.
Dein Körper zeigt dir oft, dass etwas zu viel ist
Woher wissen wir eigentlich, wo unsere persönlichen Grenzen liegen?
Für mich ist der Körper dabei ein sehr guter Wegweiser. Als ich die Talkshow gesehen habe, hat sich in mir alles zusammengezogen. Ich fühlte mich eng und hatte beinahe das Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen. Noch bevor ich meine Gedanken dazu sortiert hatte, war körperlich schon eine Reaktion da.
Solche Signale können uns darauf aufmerksam machen, dass etwas nicht stimmig ist. Vielleicht wird dein Atem flacher, du spannst unbewusst die Schultern an oder spürst eine innere Unruhe.
Nicht jedes unangenehme Gefühl bedeutet automatisch, dass eine Grenze überschritten wird. Manchmal sind wir einfach aufgeregt oder stehen vor einer Herausforderung, die uns Überwindung kostet. Es lohnt sich aber, innezuhalten und genauer hinzuschauen.
Wie fühlt sich das gerade für mich an? Möchte ich das wirklich? Oder habe ich das Gefühl, dass ich es tun muss, weil andere es erwarten?
Natürlich können wir nicht immer alles stehen und liegen lassen. Es gibt Verpflichtungen, die wir erfüllen müssen, auch wenn uns gerade nicht danach ist. Aber wir können lernen, bewusster wahrzunehmen, wann wir unsere Grenzen überschreiten und wo wir etwas verändern können.
Yin Yoga als Lehrmeister für deine eigenen Grenzen
In meiner Arbeit mit Yin Yoga erlebe ich immer wieder, wie schwierig es sein kann, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu respektieren.
Ich empfehle meinen Teilnehmerinnen immer, nur so weit in eine Position zu gehen, dass eine angenehme, leichte Dehnung spürbar ist. Als Orientierung können etwa 60 bis 70 Prozent der individuell möglichen Dehnfähigkeit dienen. Es geht nicht darum, möglichst tief in eine Position zu kommen, sondern eine Haltung zu finden, in der du für eine Weile bleiben und deinen Körper wahrnehmen kannst.
Manchmal höre ich dann: „Aber ich spüre da gar nichts. Ich möchte viel tiefer in die Position gehen.“
Natürlich dürfen meine Teilnehmerinnen ausprobieren, was sich für sie richtig anfühlt. Ich gebe Hinweise und zeige Möglichkeiten auf. Entscheiden müssen sie selbst.
Und manchmal zeigt sich erst am nächsten Tag, dass die Dehnung doch zu intensiv war. Dann wird deutlich, dass mehr nicht unbedingt besser ist.
Genau darin liegt für mich eine wichtige Erfahrung: Wir müssen nicht immer bis an unsere Grenze gehen, um etwas zu bewirken.
Im Yin Yoga geht es darum, wahrzunehmen, was gerade da ist. Die eigenen Empfindungen ernst zu nehmen und herauszufinden, was der Körper in diesem Moment braucht. Dazu gehört auch, auszuhalten, dass gerade nichts zu tun ist. Nicht noch schnell etwas erledigen, nicht die nächste Aufgabe im Kopf durchgehen, nicht sofort nach Ablenkung suchen.
Einfach da sein. Den Atem wahrnehmen. Spüren, was sich verändert.
Wann erlauben wir uns das im Alltag? Wie oft nehmen wir uns die Zeit, einfach nur mit uns selbst zu sein, ohne etwas leisten oder erreichen zu müssen?
Für mich ist Yin Yoga deshalb weit mehr als eine Yogapraxis. Es ist eine Gelegenheit, bei mir selbst einzuchecken, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und zu erkennen, wann ich bleiben kann und wann es Zeit ist, eine Position zu verändern oder sie ganz zu verlassen.
Diese Fähigkeit hilft uns dann auch außerhalb der Yogamatte.
Über die eigenen Grenzen gehen: Wann ist es sinnvoll?
Natürlich ist es nicht grundsätzlich falsch, die eigenen Grenzen zu erweitern. Manchmal tut es uns gut, etwas Neues auszuprobieren oder uns einer Herausforderung zu stellen. Wenn du beispielsweise deine Ausdauer trainieren möchtest, kann es sinnvoll sein, dich Schritt für Schritt ein wenig mehr zu fordern.
Entscheidend ist, in welcher Lebenssituation du dich gerade befindest.
Wenn du ohnehin schon erschöpft bist, kaum zur Ruhe kommst und das Gefühl hast, dass dir alles über den Kopf wächst, brauchst du möglicherweise nicht noch eine Herausforderung. Vielleicht brauchst du eine Pause, weniger Termine und weniger Erwartungen an dich selbst.
Problematisch wird es, wenn wir unsere Grenzen gar nicht mehr wahrnehmen und erst im Nachhinein merken, dass es zu viel war. Dann sind wir erschöpft, fühlen uns überfordert oder ärgern uns darüber, dass wir schon wieder Ja gesagt haben, obwohl wir eigentlich Nein sagen wollten.
Auch daraus können wir lernen. Wir können beim nächsten Mal früher erkennen, dass etwas nicht passt. Wir können aber auch versuchen, noch mehr auszuhalten, anstatt unsere Grenze ernst zu nehmen.
Deshalb lohnt es sich, immer wieder zu fragen: Was brauche ich gerade wirklich? Ist es gut, mich ein wenig herauszufordern? Oder wäre es hilfreicher, meine Grenze anzuerkennen und sie zu wahren?
Beides kann richtig sein. Entscheidend ist, dass du den Unterschied für dich erkennst.

Grenzen setzen hat nichts mit Egoismus zu tun
Um die eigenen Grenzen zu kennen, müssen wir uns selbst kennenlernen. Wir müssen wahrnehmen, was uns guttut, was uns zu viel wird und wo wir beginnen, uns selbst aus den Augen zu verlieren.
Vielleicht bist du es gewohnt, für alle da zu sein. Du organisierst, kümmerst dich, hörst zu und springst ein, wenn jemand Hilfe braucht. Du möchtest niemanden enttäuschen und weißt genau, was andere von dir brauchen. Doch irgendwann merkst du, dass du selbst kaum noch Zeit und Raum für dich hast.
Weißt du eigentlich noch, was du gerade brauchst? Ruhe oder Bewegung? Zeit für dich oder Gesellschaft? Vielleicht auch einfach eine Pause von all den Erwartungen, die du an dich selbst stellst.
Nicht immer müssen wir sofort etwas verändern. Manchmal hilft Ablenkung dabei, einen schwierigen Moment zu überstehen. Wichtig ist nur, dass wir darüber nicht dauerhaft den Kontakt zu uns selbst verlieren.
Grenzen setzen bedeutet, sich selbst ernst zu nehmen. Nicht erst dann, wenn gar nichts mehr geht, sondern bereits dann, wenn wir merken, dass etwas nicht mehr passt.
Und ja, das bedeutet manchmal, uns selbst an die erste Stelle zu setzen.
Für dich zu sorgen ist nicht egoistisch. Es ist notwendig.
Wenn du anfängst, deine Grenzen klarer zu kommunizieren, kann das für Menschen in deinem Umfeld zunächst ungewohnt sein. Vielleicht waren sie es bisher gewohnt, dass du immer Zeit hast oder ihre Wünsche erfüllst. Wenn du plötzlich Nein sagst, kann das Irritationen auslösen.
Aber dass jemand mit deiner Grenze nicht einverstanden ist, bedeutet nicht automatisch, dass deine Grenze falsch ist.
Du darfst sagen: „Ich kann gerade nicht.“
Du darfst sagen: „Ich möchte das gerade nicht.“
Du darfst sagen: „Ich brauche Zeit für mich.“
Und du darfst auch sagen: „Ich schaffe das alleine gerade nicht. Ich brauche Hilfe.“
Denn auch darin liegt eine Grenze: zu erkennen, dass die eigenen Kräfte nicht unbegrenzt sind und dass du Unterstützung brauchst.
Nein ist ein vollständiger Satz
Vielleicht ist es gar nicht das Wahrnehmen der eigenen Grenze, das uns am schwersten fällt, sondern das Aussprechen. Wir haben Angst, andere zu enttäuschen. Also erklären und rechtfertigen wir uns, suchen nach Ausreden oder sagen vielleicht doch Ja, obwohl wir längst spüren, dass wir das eigentlich nicht möchten.
Dabei darf ein Nein einfach ein Nein sein.
Du musst nicht jedes Mal eine ausführliche Begründung liefern. Natürlich kannst du erklären, warum du etwas nicht möchtest, wenn sich das für dich richtig anfühlt. Aber du bist nicht verpflichtet, dein Nein so lange zu begründen, bis dein Gegenüber es akzeptiert.
Nein ist ein vollständiger Satz.
Vielleicht magst du diesen Satz einmal auf dich wirken lassen. Gerade dann, wenn du zu den Frauen gehörst, die es allen recht machen möchten und dabei häufig die eigenen Bedürfnisse zurückstellen.
Es geht nicht darum, dich von anderen abzugrenzen oder niemanden mehr an dich heranzulassen. Es geht darum, in Verbindung zu bleiben, ohne dich selbst dabei zu verlieren.
Vielleicht magst du in den nächsten Tagen einmal genauer hinspüren: Wo sagst du Ja, obwohl du Nein meinst? Wo übergehst du deine eigenen Bedürfnisse? Und wo wäre es an der Zeit, dich selbst ein kleines bisschen ernster zu nehmen?
Du musst nicht alles auf einmal verändern. Manchmal beginnt es damit, einen Moment innezuhalten und überhaupt erst wahrzunehmen, was du gerade wirklich möchtest.
Und vielleicht ist dein nächstes Nein genau der Anfang davon.





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